Mittwoch, 2. Mai 2012

Wem gehört der Erkenntnisfortschritt?

"Open access" ist in der Wissenschaftsszene die Bezeichnung für eine Bewegung, die fordert, dass Forschungsergebnisse für alle frei zugänglich und kostenlos im Netz verfügbar sein sollten. Argument: Die Forschung ist (meist ausschließlich oder überwiegend) mit öffentlichen Mitteln und zum Zwecke des Gemeinwohls finanziert worden, also müssen auch die Ergebnisse der Öffentlichkeit unentgleltlich zur Verfügung stehen. Tatsächlich müssen Universitäten und Forschungseinrichtungen aber einen immensen Betrag pro Jahr an die wissenschaftlichen Fachverlage zahlen, um die Journals für ihre Wissenschaftler zur Verfügung stellen zu können. Im Endeffekt muss die öffentliche Forschung also dafür zahlen, Einblick in ihre eigenen Ergebnisse zu erhalten.

Die Gemengelage in der Wissenschaft ist damit komplizierter als im platten Piraten-Getöse der Umsonst-Freibeuter im Netz, denn Urheber von Musik, Literatur und Filmen werden nicht öffentlich für Ihr Tun bezahlt.

An deutschen Hochschulen ist keine einheitliche Linie auszumachen. Viele Professoren verdienen (noch immer) auch ein zweites Mal mit: Mit Lehrbüchern und Verlagstantiemen für ihre Veröffentlichungen. Tendenziell gilt: je näher ein FAch an den Naturwissenschaften, desto mehr wird "open access" publiziert, je näher an den Buchwissenschaften, destro traditioneller gibt man sich. 
 
Die Harvard University hat sich nun offensiv gegen dieses System ausgesprochen und verlauten lassen, dass sie nicht mehr bereit ist, für Journals zu bezahlen, die nur dank der Professoren überhaupt existieren, wie der britische Guardian berichtet. Auch der Economist hinterfragt das Geschäftsmodell, das dazu führt, dass die Preise für wissenschaftliche Zeitschriften im Zeitalter des Internet nicht etwa sinken, sondern steigen. 

Spannend ist die Frage, wie das Geschäftsmodell der juristischen Datenbanken sich entwickelt: Jährliche Preissteigerungen von bis zu 20% werden nicht auf Dauer durchsetzbar sein - in einem Markt, in dem das noch nicht einmal ausreicht, weil für die Zitation in der Hausarbeit auch das gedruckte Exemplar noch vorgehalten werden will. Absurdistan? 

(Mit einem herzlichen Dank an Marlen Thaten.)

Mittwoch, 4. April 2012

Überleben leicht gemacht


Es gibt jede Menge guter Ratschläge fürs Jurastudium, zum Beispiel auf dem Bewerberportal der Bucerius Law School. Dort gibt es unter anderem den legendären Film mit Prof. Dr. Florian Faust, in dem er (nota bene: mit Bucerius Krawatte!) beim sogenannten Schnuppertag erklärt, worauf es bei Jura ankommt. Das ist didaktisch und inhaltlich erste Klasse und - dank eines noch leicht herauszuhörenden Regensburger Dialekts - auch charmant anzuhören und zu -sehen. Kein Wunder, dass er vom Alumniverein der Hochschule mit dem "Röhrenden Hirschen" ausgezeichnet wurde, dem Preis für beste Lehre.


Ein Blick über den Teich zeigt, dass auch bei diesem Thema Ernst und Slapstick in den USA oft nahe beieinander liegen. Bekannt ist vielen das Buch "One L: The Turbulent True Story of a First Year at Harvard Law School" von Scott Turow, das auf amüsante Weise das Leben an einer Ivy-League Law School im ersten Studienjahr beschreibt. Mein Liebling allerdings ist Professor David Steinberg von der Thomas Jefferson School of Law, der Tipps gibt für "Surviving Law School".

Ich bin hin- und hergerissen, ob mich der Inhalt (z.B. be a professional: work smarter, arrive early, get rest etc.) oder die Form des Vortrags mehr beeindrucken. Er gibt sich jedenfalls echt Mühe mit seinen discipuli. Ich wüsste zu gerne, welche Tipps und Hinweise sein Ordner noch enthält...

Mittwoch, 28. März 2012

promovere: voranbringen?


In Titeldeutschland tut sich was, dank amerikanischer Hilfe und der Vertriebsleistung des (bei uns wegen unserer Nähe zu Daily Deal unbeliebten) Rabattportals Groupon: Einen Ehrendoktortitel der akademisch bedeutenden Miami Life Development Church gibt es diese Woche mit 74% Rabatt! Die Netzwelt weiß, dass es gegen eine Spende von 39 Euro den kirchlichen Ehrendoktor gibt, den Ehrenprofessortitel verkauft Groupon für 49 Euro. Beide Titel zusammen sind für 59 Euro zu haben. Ein echtes Schnäppchen, denn ohne Groupon-Deal würde der Doktortitel 150 Euro kosten.

Zur Auswahl stehen mehrere Fachrichtungen, darunter Gospel-Musik, Metaphysik oder Aroma- und Engeltherapie. Laut Anbieter darf der gekaufte Titel nur mit dem Zusatzes h.c. (honoris causa) und der Angabe des Fachgebiets sowie des Herkunftslandes weltweit geführt werden, um nicht mit Amts- oder Dienstbezeichnungen verwechselt werden zu können.

Bei meinem letzten update hatten sich bereits mehr als 3.400 Kunden gefunden, die künftig ihre Visitenkarte, ihr Türschild und die Mülltonne mit dem begehrten Namenszusatz versehen können und endlich beim Metzger als Herr Doktor oder Frau Professor angeredet werden.

Für diejenigen, die sich in "Akademia" bewegen, sehr befremdlich. Einerseits, weil man sich ausgerechnet an Hochschulen aus Titeln nichts macht, insbesondere im alltäglichen Umgang. Andererseits weil man Ehrendoktorwürden nur sehr selten aus dann nur an ganz herausragende Persönlichkeiten, in der Regel aus anderen Fakultäten oder aus dem Ausland, vergibt. Einziger Ehrendoktor der Bucerius Law School ist Prof. Richard Buxbaum von University of California, Berkeley.

Man kann sich also über das Titelgeschäft aufregen (nicht mein Ding), sich darüber lächerlich machen (wäre schade für Buxbaums et. al.) oder ihm die Grundlage entziehen, wofür ich ganz entschieden plädiere: Akademische Titel sollte keine Namensbestandteile mehr sein und auch nicht mehr vor dem Namen geführt werden dürfen, sondern - wie andere akademische Grade auch, siehe Dipl.-Ing., PhD, LL.M., etc. - Teil des eigenen Lebenslaufs sein, aber nicht zur Anrede gehören. Und schon wäre die Luft 'raus.

Schade wäre das allerdings für die Miami Life Development Churchund ihre akademischen Anstrengungen in den vielen interessanten Orchideenfächern, und natürlich für Groupon. Aber auch da hält sich unser Mitleid in Grenzen...

Mittwoch, 21. März 2012

Bucerius als Vorbild für US Law Schools?

Zur Zeit scheint Deutschland als Vorbild in den USA "en vogue" zu sein; jedenfalls behauptet das der SPIEGEL in seiner englischsprachigen Ausgabe mit Berufung auf Steven Rattner. Er ist der frühere Berater von US Präsident Bill Clinton und war später Beauftragter von US Präsident Obama für die amerikanische Automobilindustrie, um sie durch die Krise zu manövrieren. Heute ist Rattner Manager des Vermögens von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und ein gefragter Wirtschaftsexperte in Washington, der der amerikanischen Industrie das "German Model" empfiehlt.

Ähnlich geht es unserem Modell der Finanzierung von Studiengebühren: G. Marcus Cole, Wm. Benjamin Scott & Luna M. Scott Professor of Law an unserer Partneruni in Stanford, war als Experte vor den Justizausschuss des US Senats geladen, der eine Anhörung zu Studiengebühren in den USA durchführte. Hintergrund ist die zunehmende Zahl von Kreditausfällen von Studiendarlehen, weil sich viele Studenten in den USA hoch verschuldet haben, aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage aber keinen Job erhalten, der ihnen eine planmäßige Rückzahlung ermöglicht. Die Faustregel für "student loans" in den USA lautet: wer nach der Law School Schulden in Höhe von 150.000 US $ hat, braucht einen Job mit einem Einstiegsgehalt von 150.000 US $ p.a., um realistischerweise innerhalb von zehn Jahren die Schulden loszuwerden. Das ist mittlerweile kein Selbstgänger mehr, weil immer mehr Mandanten keine "first und second year associates" auf der Rechnung sehen wollen - und damit das Geschäftsmodell vieler Kanzleien ins Wanken gerät. 

Marcus Cole, dessen Forschunbgsgebiete bankruptcy, venture capital und banking regulation sind und der regelmäßig im "Master of Law and Business - Joachim Herz Program" von Bucerius und WHU unterrichtet, erwähnte in seinem statement als Alternative den "Umgekehrten Generationenvertrag" der Bucerius Law School. Mit dem Verzicht auf ein fixes Darlehen und stattdessen einer einkommensabhängigen Rückzahlung sei es möglich, risikolos selbst an einer exzellenten ("very top of the German legal academy"), aber vergleichsweise teuren privaten Hochschule zu studieren.

Sein Statement als pdf findet sich hier (siehe Seite 6), der Webcast seines Statements hier (siehe ab Min. 73:30). Wir sind gespannt, wie sich die Diskussion in den USA entwickeln wird und freuen uns, mit unserer kleinen Hochschule nicht nur Impulse in die deutsche Bildungslandschaft zu setzen, sondern imm er stärker auch jenseits des Teiches wahrgenommen zu werden.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Säkulare Macht


Foto: Auditorium der Bucerius Law School, (c) Vincent Lütkens and his incredible iphone.
Wie demonstriert ein Staat seine Macht? Zu Kaiser’s und König’s Zeiten war die Symbolik klar: Zepter und Reichsäpfel, Roben und Zofen, Schlösser und Kutschen. Im säkularen Staat, in dem Macht ein flüchtiges, weil vom Volk auf Zeit verliehenes Ding ist, sind solcherlei Gebärden nicht mehr erforderlich. Und trotzdem lebt Politik von Symbolik. (Und nicht nur Politik: den Hamburgern sei an dieser Stelle einer ihrer größten Denker zur Lektüre empfohlen: Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen). Beeindruckend war es daher und sollte es wohl auch sein, wie José Emanuel Barroso, Präsident der EU-Kommission anlässlich seines Vortrages an der Bucerius Law School mit Eskorte vorfuhr. Nicht im Bild: weitere sieben dunkle Limousinen, in denen die Entourage mitfuhr.
 
Im Gegensatz zu dieser Inszenierung säkularer Macht stand die Diskussion im Auditorium: Offen, schlagfertig, und gut informiert präsentierten sich die Studierenden der Hochschule, ebenso frank und gleichzeitig überzeugend antwortete der Europäer Barroso - ohne Königsallüren, dafür mit guten Argumenten. Der Aufklärung sei Dank; immerhin eine europäische Errungenschaft, um deren weltweite Geltung und Durchsetzung heute mehr denn je gerungen werden muss.

Und wie demonstriert eine kleine, aber konsequent private und auf Exzellenz bedachte Hochschule ihre Bedeutung? Mit einem Symbol, dass dem Selbstverständnis einer bürgerlichen Hansestadt entspricht, Zugehörigkeit vermittelt und den Träger zugleich ziert: mit der Krawatte der Bucerius Law School. So kann unser EU-Präsident künftig beides: seine Bedeutung offen und seine Verbundenheit subtil zeigen…

Mittwoch, 8. Februar 2012

Wir sollten Politiker besser bezahlen

Die sich langsam verselbstständigende Diskussion um unseren Bundespräsidenten dreht sich im Kern um die Frage, was Politiker sich herausnehmen dürfen und was nicht. Es wird vor allem debattiert, welches Verhalten zwar vielleicht rechtens sei, aber moralisch verwerflich oder zumindest politisch unklug. Eigentlich hat es immer mit Geld zu tun. An unsere Volksvertreter legen wir offenbar strenge Maßstäbe an. Wir sollten uns deshalb damit befassen, wer eigentlich Politiker wird - und warum. Woher kommen die engagierten Frauen und Männer, die in der Summe unsere - des Volkes - Vertreter sind? Was motiviert und bewegt sie, sich diesem, wie es oft abschätzig heißt, "schmutzigen Geschäft" zu widmen? Ein "Geschäft", das gleichzeitig so bedeutend ist, weil es Entscheidungen für uns und über uns treffen kann.

Wie kommt es, dass sie an vielen Abenden ihre Zeit opfern, um in Hinterzimmern mit Parteifreunden Grundsatzpapiere zu wälzen, zu Parteitagen fahren, in Fraktionssitzungen Positionen abstimmen, auf Wochenmärkten für Wählerstimmen werben? Warum sind wir denen, die das alles auf sich nehmen, nicht unendlich dankbar, sondern sehen oft mitleidig auf ihr Engagement herab? Und schauen - als wären wir selbst frei von Fehlern - ganz genau hin, von wem sie wozu eingeladen werden? Als wüssten wir nicht, dass der Zebrastreifen vor der Kita nicht da wäre, kein Bebauungsplan genehmigt würde oder die Elbvertiefung nicht käme, wenn es diese "Spezies" nicht gäbe. Wo liegt der Fehler im System?

Politiker (alle, die ich kenne und die mich kennen, natürlich ausgenommen ...) sind Menschen wie du und ich. Sie haben neben ihren politischen Überzeugungen eigene Ziele und eigene Interessen. Mit zwei Besonderheiten: Sie denken und handeln für andere, sind oft gemeinschaftsbezogene Wesen. Und: Meist verdienen sie nicht übermäßig viel. Politik ist attraktiv für Menschen, deren Lebensumstände sich durch die Politik verbessern, auch finanziell. Für Menschen, die dafür genug Zeit aufbringen können oder für die sich der Einsatz irgendwann auszahlt. Das führt dazu, dass sich in der Politik vor allem Beamte und Lehrer, Mitarbeiter von Parteien und Gewerkschaften, Hausfrauen, Rentner und Studenten finden. Sie haben meist genug freie Zeit und empfinden 40 Euro Sitzungsgeld oft als passable Entschädigung für einen Abend und würden mit einem Landtags- oder Bürgerschaftsmandat ihre finanzielle und gesellschaftliche Stellung verbessern.

Das wäre nicht schlimm, wenn es nicht (fast) nur diese Sorte Politiker gäbe. Wenn es neben wenigen Ausnahmen mehr Unternehmer, leitende Angestellte, IT-Spezialisten, Controller, Marketing- und Finanzexperten, Versicherungskaufleute, Professoren, Ingenieure, Führungskräfte gäbe, die sich ebenfalls engagieren. Ihr Problem: Sie verdienen besser als Abgeordnete, ein Wechsel in die Politik wäre mit einem Verlust verbunden. Es gibt zum Glück zwar Idealisten - Politik ist aber finanziell nur für die attraktiv, die sich verbessern. Der Qualität unserer Politik als "Volksvertretung" würde es guttun, auch im Beruf Erfolgreiche anzuziehen. Wie könnte das geschehen? Die Lösung ist einfach: Jeder gewählte Abgeordnete erhält ein Viertel mehr, also das 1,25-Fache seines bisherigen Gehalts. Nach unten hin gäbe es eine Mindestentlohnung (sagen wir: das 1,25-Fache des Durchschnittseinkommens von 2700 Euro, also 3375 Euro) und nach oben einen Höchstsatz (das Zehnfache, also etwa das Gehalt von Vorständen mittlerer Aktiengesellschaften, monatlich 33 750 Euro). Damit wäre ein Mandat für jeden attraktiv, weil es mit einer Einkommenssteigerung von 25 Prozent verbunden wäre. Für alle mit niedrigem Einkommen würde sich wenig ändern, weil sie etwas mehr als die bisherigen Diäten erhielten (in der Hamburgischen Bürgerschaft derzeit 2653 Euro). Ein SAP-Experte, der etwa 10 000 Euro im Monat verdient, käme auf 12 500 Euro. Heute müsste er auf rund drei Viertel seines Gehalts verzichten.

Die Regelung hätte einen angenehmen Nebeneffekt: Über die Höhe der Diäten bräuchte nicht länger gestritten zu werden. Ebenso wenig darüber, ob Politiker zu viel oder zu wenig verdienen. Sie verdienen alle ein Viertel mehr als bisher. Einfach, transparent und mit größerem Anreiz, sich zu engagieren.

(erschienen im Hamburger Abendblatt am 8. 2. 2012, S.2)

Mittwoch, 1. Februar 2012

Datenschutzministerin

Wieder hoher Besuch an der Bucerius Law School: die Bundesjustizministerin Sabine Leutheußer-Schnarrenberger war zu Gast und sprach vor einem vollbesetzten Auditorium über "Datenschutz und Privatsphäre im Dritten Jahrtausend." Die Fragen sind hochaktuell:

Wie weit wollen wir wirklich, dass Privates öffentlich wird? Welche Möglichkeiten hat der (nationale) Gesetzgeber, um die Grundrechte angesichts der Entwicklungen der IT- und Medientechnologie wirksam zu schützen? Stehen wir angesichts des Entwurfs einer Datenschutzverordnung der Europäischen Kommission vor einer „Vollharmonisierung“ des privaten und öffentlichen Datenschutzes? Welche Möglichkeiten bestehen für die Verbesserung des Datenschutzes durch die Stärkung der Eigenverantwortung – etwa durch die Schaffung einer „Stiftung Datenschutz“? Welche Alternativen gibt es zur Vorratsdatenspeicherung?

Die Bundesministerin stand mit juristischer Sachkenntnis, Verve und Engagement Rede und Antwort - und vermittelte dabei auch den Eindruck, dass die FDP nicht so unter Druck wäre, wenn auf allen Kabinettspositionen ähnlich durchsetzungsstarke Persönlichkeiten wären. Das schließt den Bogen zur dritten Person auf dem Bild: unsere Hamburger Bundestagsabgeordnete Sylvia Canel, mit der die Veranstaltung in Kooperation durchgeführt wurde, ist nicht nur Bildungsexpertin, sondern auch standhafte Euro-Rettungsschirm-Gegnerin. Haltung scheint also doch mehr zu sein als "alternativlos"...