Sonntag, 3. März 2019

Über Urteilsfähigkeit

Liebe 2015er, natürlich und zu allererst, von Herzen und mit Anerkennung: Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Bachelor of Laws! Das ist der erste vollwertige akademische Titel, auf den Ihr stolz sein und den ihn feiern könnt! Ihr habt Euch beworben und wurdet genommen, habt im Hörsaal und der Bibliothek Jura, Sprachen und Wirtschaft gepaukt, im Studium generale über den Tellerrand geschaut, endlich das rettende Auslandstrimester erreicht und Euch danach wieder mit Ernst an die Bachelorarbeit gesetzt. Wenn das alles kein Grund ist, stolz auf sich zu sein, innezuhalten und das Erreichte zu feiern!

Man hat mir das Format des Glückwünschens frei gestellt, deshalb habe ich diese Form gewählt und meinen alten Blog für diesen einen Artikel noch einmal bemüht. Ein allerletzter WenzDay für Euch, liebe 2015er.

Ich will einen zweiten, einen anderen Blick auf Eure Studienzeit richten: Neben dem chronologischen "Abarbeiten" der Studienordnung und dem unvermeidlichen Älterwerden ist nämlich - wenn es gut ging - etwas Transformatives passiert. Denn was ist der tiefere Grund, an eine Hochschule zu gehen? Und ganz besonders an diese Hochschule? Zwei Dinge sind es jedenfalls nicht: Erstens der Stoff, den man im Hörsaal serviert bekommt. Den gibt es mittlerweile überall und online. Zweitens der akademische Abschluss, denn dem späteren Staatsexamen sieht man nur den Ort des JPA an, nicht aber die Hochschule. Und im übrigen sind die Endorsements im LinkedIn-Profil ohnehin auf bestem Wege, den formalen Bildungsabschlüssen den Rang abzulaufen. Nein, der wahre Mehrwert einer und gerade dieser Hochschule ist, einen wichtigen Lebensabschnitt mit inspirierenden Menschen an einem inspirierenden Ort zu verbringen. Intellektuell und als Person herausgefordert zu werden, Erfolge und Rückschläge zu erleben, Ideen zu teilen und zu verwirklichen, einen Gedanken zu vertiefen, Theorien und Konzepte zu lernen und zu hinterfragen, die eigene Persönlichkeit kennenzulernen und weiter zu formen - und für angehende Jurist*innen ganz besonders: Urteilsfähigkeit zu üben.

Urteilen zu können setzt vieles voraus: Wissen, Zuhören, Geduld, Empathie und kritisches Hinterfragen, aber auch Haltung, Entschlusskraft, gelegentlich auch Mut und Demut. Und auch wer um einen Rat fragt, erwartet dahinter Urteilsfähigkeit. Gute Jurist*innen sind die, die ihre transformative Studienphase dazu genutzt haben, diese auszubilden. Jenseits des Hörsaals und der Bücher. So wie auch Ihr, liebe 2015er. Deshalb wünsche ich Euch alles Gute für das, was kommt und die Fähigkeit, stets richtig zu urteilen.

(Das auf dem Bild bin übrigens nicht ich. Es ist eine Kopie, 28 cm groß und aus dem 3D-Drucker. Also: nie dem ersten Anschein trauen...)

Mittwoch, 4. Februar 2015

Es gibt ihn noch!

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.1.2015
Er ist der unbestrittene Anti-Held aller Bucerius-Studentinnen und -Studenten, dient er doch bereits im Propädeutikum als Inbegriff dessen, was Juristen nie werden sollten. „Knöllchen-Horst“ ist der selbst ernannte Kämpfer für Gerechtigkeit insbesondere im öffentlichen Parkraum, der mit unerbittlicher nachbarschaftlicher Härte seinen falsch parkenden Zeitgenossen mit Anzeigen auf die Nerven geht.

Da der letzte Spiegel-Artikel über ihn bereits einige Jahre zurückliegt,  hatte ich schon Sorge, dass er irgendwann nicht mehr als zeitgemäßes Beispiel taugen würde. Nun hat er, wie die FAZ vom 30. Januar (Foto) und die LTO ausführlicher berichten,  eine empfindliche gerichtliche Niederlage erlitten - und das ausgerechnet gegen Dolly Buster, ein D-Promi-Porno-Sternchen aus der Vor-Internet-Ära. Sie hat doch tatsächlich behauptet, dass Knöllchen-Horst sich am Fehlverhalten seiner Mitbürger „aufgeile“. Er fand das unangemessen, klagte und verlor vor dem wahrscheinlich in dieser Hinsicht erfahrenen und leidgeprüften Amtsgericht Osterode im Harz. Für ihn eine schlechte Nachricht, für uns eine gute: es gibt ihn noch, und wir werden ihn weiterhin zitieren können - ganz aktuell.

Mittwoch, 28. Januar 2015

It's the brains, stupid

(c) The Economist
I am glad I started over my blog with Deresiewicz's book about "Excellent Sheep", denunciating the miseducation of the American elite in its education system. It is not for bashing colleges (which I happen to know less) oder law schools (which I happen to know better) in the US. For me it is the curiosity of looking into a system that seems to have developped as the "gold standard" of education globally. An international set of wealthy parents would boast about their children studying at "HYP" (Harvard, Yale Princeton). And I am cautious enough to comment on that from a position as CEO of a law school which was set up for and designed around the needs and aspirations of "highly talented" (Hochbegabte), to avoid the E-word.

This week, the Economist's cover story deals with the inheritance of " brain capital" which proves to be much more difficult to tax than financial wealth when transferred in generations. When Thomas Jefferson (a lawyer and president of the United Statesfrom 1801 to 1809) pondered about the difference of a "natural aristocracy of the virtuous and talented" and called it a blessing to a nation  and an "artificial aristocracy founded on wealth and birth" which would slowly strangle it, he could not have foreseen that this meritocratic country by origin nowadays produces elites that reproduce themselves. Today's better-off-parents transfer a highly intangible asset than money: brain, the currency of the knowledge industry combined with networks from the colleges ("contacts mean contracts") and a intercultural savvy that sets them far apart from children who have not benefited from these opportunities.

The challenging question for each modern western and open society in Karl Popper's sense will need to find an answer on how to keep the promise of opportunities for social advancement on a meritocratic basis, be it in politics or the economy - otherwise the erosion of society and social cohesion will threaten any "contrat social".

Mittwoch, 21. Januar 2015

Heimathafen Wissenschaft

Ende vergangenen Jahres hat die Universität Hamburg gemeinsam mit den anderen staatlichen Hochschulen eine Imagekampagne unter der Überschrift „Heimathafen Wissenschaft“ gestartet. Auf großformatigen Plakaten vor den Gebäuden der Universität und der anderen Hochschulen werben maritime Begriffe für die einzelnen Wissenschaftseinrichtungen und deren Bedeutung für den Standort Hamburg. Unter www.heimathafen-wissenschaft.de ist diese Kampagne dokumentiert, die die Bedeutung von Hochschulen stärker ins Blickfeld der Hamburger rücken soll. Die privaten Hochschulen der Hansestadt, die nicht Teil der Kampagne sind, könnten sich ihrerseits ja überlegen, mit welchem Slogan sie in dieser Kampagne präsent wären. Anbei mein Vorschlag für die Bucerius Law School, englischsprachig, weil international - und mit einem Augenzwinkern, falls ein Rechteinhaber sich verletzt fühlt...

Mittwoch, 14. Januar 2015

Excellent sheep

I restart my blog in 2015 with a reccommendation: read William Deresiewiczs seminal book "Excellent Sheep" if you'd like to learn about the state of education at America's Elite universities, especially its "Liberal Arts Colleges". I also liked Lisa Herzog's comment in the FAZ, titled "Does Harvard make you stupid?". It's a brilliantly written book, a sharp (though biased) analysis with a dose of cynicism worth to read.

Deresiewicz challenges both students and teachers by recurring to ideals of education: critical thinking, time to read the great books, strive for wisdom not know-how, questions not answers, insight not credits, personality not cv-grooming.

From a European perspective a lot looks different here, beginning with a wider fletched, more fragmented and decentralised landscape of universities and differentiated ways into the "elite" of a society than by being admitted to just a few number of colleges. Nevertheless, credit hunting behaviour, career-focussed social engagement, asking "by when" instead of "why" are phenomena I have seen, too. The simple reflex "doesn't apply because of the US perspective" comes to short: a discussion about what higher education in the 21st century is for is direly needed. Let's start it.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wissenschaft in Hamburg

Klaus von Dohnanyi, Wolfgang Peiner, Ole von Beust und Willfried Maier waren sich in ihrem Positionspapier ("In Sorge um Hamburg") einig: Hamburg drohe in Schönheit zu erstarren, man dürfe nicht nur auf Hafen, Handel und Wandel setzen, sondern müsse sich ganz anders dem wichtigsten Wertschöpfungsfaktor der Zukunft zuwenden: dem Wissen und der Kreativität in den Köpfen. Wenn man diese anziehen und an Hamburg binden wolle, brauche man vor allem leistungsstarke Hochschulen. Mit der publikumswirksamen Einweihung eines "Energiecampus", auf dem sich ein einsames Windrad dreht, sei es eben nicht getan – auch wenn man es mit Begriffen wie dem "Silicon Valley des Nordens" hochjazzt.
Das Problem ist, dass die meisten Hamburger noch immer glauben, Hochschulen seien nur Ausbildungseinrichtungen, nur Einrichtungen für Forscher oder nur ein Nebenkriegsschauplatz der Hamburger Politik, auf dem sich Hochschulpräsidenten und Wissenschaftsbehörde ums Geld zanken. Die Wirklichkeit sieht anders aus und droht Hamburg zu überholen: Die richtig guten Hochschulen dieser Welt sind Orte, an denen sich Talent, Kreativität und Ideen versammeln. In der Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts ist die Quelle aller Wertschöpfung die Idee, aus der eine App, eine Software, eine Innovation wird. Um sie herum entsteht eine Geschäftsidee, ein Businessplan, eine Finanzierungsrunde und eine Unternehmensgründung.
Die besten Hochschulen dieser Welt haben das längst erkannt und sich entsprechend aufgestellt: kein Silicon Valley ohne die Stanford University, kein Biotech ohne das MIT, kein deutsches Software-Cluster ohne die TU München und das Karlsruhe Institute of Technology, keine Fortschritte im Fahrzeugbau ohne die RWTH Aachen und die Uni Stuttgart.
Sie alle zeichnet ein enges Zusammenwirken aus von Hochschule als Bildungseinrichtung, die Nachwuchstalente anzieht, mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie Max-Planck- oder Fraunhofer-Instituten, die Zusammenarbeit von meist mittelständischer Wirtschaft und Universitätsinstituten sowie Gründerzentren, die Starthilfe mit Know-how und Finanzierung bereitstellen.
Ohne die bestehende Infrastruktur in Hamburg schlechtzumachen: Sie reicht dafür schlicht nicht aus. Und das ist leider nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der fehlenden strategischen Positionierung unserer Hochschullandschaft.
Berlin überholt uns mit einer Gründerszene, die es durchaus auch in Hamburg geben könnte. Frankfurt – übrigens eine stolze Bürgergesellschaft – hat eine ebenfalls rund 100 Jahre alte Universität, die mit einem kompletten Neubau nicht nur den Charakter der Finanz- und Bankenstadt Frankfurt völlig verändert. Sie hat auch mit privaten Zustiftungen zum Universitätsjubiläum Maßstäbe in Deutschland gesetzt.
Hamburgs schlechtes Abschneiden bei der Exzellenzinitiative wird hingegen noch lange nachwirken: Am Tag der Bekanntgabe rutschte Hamburg im Städteranking sofort deutlich nach unten ab. Und: Die zusätzlichen Millionen für Forschung, Labore und Studienplätze, die nach München, Karlsruhe, Aachen und Berlin geflossen sind, kommen nicht nur nie wieder, sie werden dort auch um Drittmittel ergänzt, die aus Wirtschaft und Industrie fließen. Hamburgs Abstieg in die Zweite Liga der Wissenschaft hat wesentlich weniger Emotionen geweckt als die drohende Zweitklassigkeit des HSV – obwohl es wirtschaftlich noch bedeutender war, auch wenn ich mir Letzteres ganz sicher nicht wünsche.
Was muss geschehen? Hamburgs Hochschullandschaft ist nicht nur die Uni: Es gibt neben den sieben staatlichen Hochschulen 14 staatlich anerkannte private Hochschulen, die zum Teil wesentlich dynamischer, in Einzelfällen exzellent und am konkreten Bedarf ausgerichtet Bildungsangebote vorhalten, ohne dass sie in eine gesamthafte Strategie der Hamburger Wissenschaftspolitik eingebunden wären. Die duale Hochschule Baden-Württemberg hat das hier erfundene "Hamburger Modell" zu einem süddeutschen Erfolg weiterentwickelt und uns zahlenmäßig längst abgehängt – Wissenschaftspolitik ist dort nämlich Standortpolitik.
"Nur" mehr Geld wäre keine Lösung. Solange Hamburg keine Strategie dafür hat, wie die Hochschulen inhaltlich und baulich attraktiver, echte Anziehungspunkte für den akademischen Nachwuchs und Plattformen für die wichtigen Debatten über unsere Zukunft werden, solange die bedeutenden Reden in Hamburg im Übersee-Club und nicht an der Uni gehalten werden, solange der Wirtschaftssenator noch immer häufiger im Hafen als an der Universität ist, solange die Wissenschaft nicht als der zentrale Standortfaktor erkannt wird, ist es mit Geld allein nicht getan. Hamburgs Stadtgesellschaft, Kaufleute und Bürger, Meinungsmacher und Politiker gilt es dafür zu gewinnen, auf die Frage, wofür Hamburg steht, ganz selbstverständlich zu antworten: für die Fähigkeit, mit gut 20 Hochschulen die besten Köpfe weltweit nach Hamburg zu holen.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Raison d'être



Sometimes it's good to remind oneself of things likely to get lost in everyday's business. One important reminder comes from William "Chip" Carter, Dean of Pittsburgh University's School of Law, whom I visited a few weeks ago. On Chip's desk was that little sign obviously reminding him (and other people running into his office) of what the school is all about. I made use of this by posting a similar sign to my door (see photo).

Bucerius' "raison d'être" are its students. It is fully designed around their needs, it was set up to attract and educate the brightest and most talented law students in the country. No doubt, we are proud of our strong faculty, its dedication to research and leadership in the scientific community. We also appreciate the wonderful premises forming our campus. And of course we believe that good management is a quality in itself, being convicted that proper organization and leadership are key to the success of a school and its role as a "thought leader". But they are all means to an end, which is our students: We would not be here for faculty, management, books or the lawn.

It is sometimes good to remind oneself - and others around - of this crucial point of view. Be that at Pitt or Bucerius.