Mittwoch, 23. Juni 2010

Wem gehört die Hochschule?

Gute Frage, auf die es keine so einfache Antwort gibt. Anhand dieser Frage - und der sich daraus ableitenden "Corporate Governance" lässt sich allerdings der entscheidende Vorteil privater gegenüber staatlichen Hochschulen herleiten.

Eine staatliche Hochschule "gehört" in der Regel dem Bundesland, das die Gebäude besitzt und die Anstellungsverträge mit Professoren, wissenschaftlichen und administrativen Mitarbeitern schließt. In akademischen Angelegenheiten hat der Akademische Senat - das Selbstverwaltungsorgan staatlicher wie privater Hochschulen - das letzte Wort. Die Rahmenbedingungen des Handelns, und zwar nicht nur die wirtschaftlichen, setzt allerdings das Ministerium. Von dort kommen auch eindeutige Richtungsvorgaben, heutzutage eingekleidet in "Ziel- und Leistungsvereinbarungen" zum Zwecke der Profilbildung. Was bedeutet das für den Präsidenten einer staatlichen Hochschule, wer sind seine wichtigsten "stakeholder"? Mit wem bespricht er (oder sie) die Strategie und die Entwicklungsrichtung der Hochschule? Wem gegenüber besteht Rechenschaftspflicht, formell und informell? Den Studierenden? Wohl kaum, wenn ASten nur von tapferen 5 % der Studierenden gewählt werden. Den Alumni? Die gibt es als Gruppe nicht, und wenn sie gerade entdeckt wird, dann bestenfalls in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. Bleibt der Wissenschaftsminister und seine Bürokratie, gelegentlich ergänzt durch Hochschulräte, deren Gestaltungskraft aber am fehlenden Zugriff aufs Geld leidet. Der Minister (oder die Ministerin) wechselt alle paar Jahre, treibt zum Zwecke der Wiederwahl oder der Durchsetzung politischer Interessen gelegentlich neue "Säue" durchs Dorf und versteckt hinter "Strategie" nicht selten schlichte Sparzwänge. Die Ministerialbürokratie besteht zwar aus meist hochqualifizierten Beamten, deren "reward system" aber nicht auf Innovationskraft und unternehmerischen Wagemut ausgelegt ist.

Was ist daran an einer privaten Stiftungshochschule anders? Sie sind in ihrer Corporate Governance gleichzeitig langfristiger und dennoch schneller. Die Tatsache, dass es - wie im Fall der Bucerius Law School - einen Aufsichtsrat, ein Kuratorium und dahinter eine Stiftung als Gesellschafterin gibt, ist ein wichtiger Unterschied, weil dadurch sehr viel mehr Kontinuität herrscht, als dies in politischen Legislaturzyklen möglich ist. In einer Stiftung muss nicht alle vier Jahre irgendetwas deshalb geändert werden, weil der politische Wille zufällig wieder einmal gewechselt hat.

Gleichzeitig gibt es andere Studierende und es gibt vor allem Alumni - wahrscheinlich der größte Schatz für die künftige Entwicklung, und das nicht aus finanziellen Gründen. Die Studierenden an einer privaten Hochschule sind - anders als an den staatlichen - keine Kunden, die mit den Füßen abstimmen und einfach wechseln (den Hörsaal oder den Studienort). Sie haben die Entscheidung für eine Hochschule getroffen, investieren in ihre Ausbildung und engagieren sich deshalb in ihrer Hochschule und für sie. Im Sinne des berühmten Princeton Scholar Albert O. Hirschman ist "voice", das aktive Sich-Einmischen, die Strategie, wenn "exit", das Weglaufen, keine Option ist.

Die Alumni sind für mich das, was den staatlichen Unis am meisten fehlt. Sie tragen den Namen ihrer Universität im Lebenslauf und achten naturgemäß darauf, dass der Wert dieser Einrichtung und ihr Image nicht sinkt, sondern steigt. In dem Maße, in dem Alumni in Hochschulgremien eingebunden und zur Mitwirkung eingeladen sind, gibt es die stärksten Stakeholder im Sinne der qualitativen Weiterentwicklung einer Hochschule. Sie sind es, die manchen hochschulpoilitischen Unsinn an staatlichen Universitäten vielleicht hätten verhindern können. Leider sind sie hierzulande nicht organisiert, kaum eine Hochschule hat dieses Potential erkannt und genutzt. Der amerikanische Ökonom Mancur Olson hat in seinem Buch "The Logic of Collective Action" die Theorie dazu geliefert, warum sich große Interessengruppen schwer organisieren lassen und deshalb oft einflusslos bleiben.

So weiß ich mich glücklich, dass in unserem Bestreben nach Weiterentwicklung der Hochschule die Alumni Einfluss auf die Gestaltung nehmen. Sie werden uns nichts durchgehen lassen, was die Qualität verwässert und die "Marke" Bucerius schädigt. Irgendwann werden sie das auch finanziell unterlegen können, um so besser. Zugleich bedauere ich manchen Kollegen an staatlichen Hochschulen, der morgens die Zeitung aufschlägt um herauszufinden, was Politik oder Verwaltung nun wieder so oder anders entwickelt sehen wollen und dem diese beiden Gruppen - Studierende und Alumni mit "vested interests" - fehlen, um Unsinn zu vermeiden und Kurs zu halten.

1 Kommentar:

  1. Karsten Windler14. Juli 2010 um 12:32

    Passend dazu erhalte ich gerade die schöne Nachricht, dass mit Stand Juli bereits 121 Alumni der Bucerius Law School insgesamt knapp 3000 Euro gespendet haben, um finanzschwachen Bewerbern in den kommenden Jahren die Teilnahme am Auswahlverfahren für das Bachelor-Studium zu ermöglichen. Hier wird auf ganz wunderbare Weise die enge Verbundenheit ehemaliger Studenten zu ihrer Hochschule vorgelebt!

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