Mittwoch, 14. Juli 2010

Nationales Stipendienprogramm

Idee gut, Konzept miserabel, Umsetzung unklar: Das ist das "nationale Stipendienprogramm der Bundesregierung" in Kurzform. Der Bundesrat hat es vergangenen Freitag überraschend gebilligt, obwohl praktisch alles noch unklar ist.

Die Idee: Die Bundesregierung will bis zu 160.000 Studierende mit 300 Euro monatlich fördern. Das Geld soll nach dem Kriterium der Leistung, unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt werden. Finanziert werden soll das Programm je zur Hälfte von den Hochschulen und vom Bund. Die Unis sollen hierfür Sponsoren aus der Wirtschaft einwerben.

Was gut klingt (leistungsabhängige Förderung, kofinanziert durch die Wirtschaft) hat das Zeug, zu einem großen Rohrkrepierer zu werden. Und zwar aus handwerklichen Gründen: Der Aufwand, die besten 8% der Studenten zu identifizieren und nachzuhalten (zumal unter Berücksichtigung "weicher" Faktoren wie soziales Engagement etc.) mag für eine kleine Hochschule noch darstellbar sein - die staatlichen Großbetriebe sind damit sicherlich überfordert.

Zumal sie keinerlei Anreiz haben, sich dafür einzusetzen: für die läppischen 150 Euro pro Student und Monat müssen sie Fundraising in der Wirtschaft betreiben, von dessen Erfolg sie als Institution nichts haben - schließlich werden die Stipendien nur durchgeleitet. Die meisten Hochschulen sind auf diese Form des Fundraising nicht vorbereitet und würden - wenn sie schon einem Unternehmen einen Vorschlag unterbreiten - sicherlich eher auf Ideen kommen, die der Hochschule nutzen: Laborausstattung, Bücher, Veranstaltungen, Symposien, Lehrstühle etc.

Ob die Wirtschaftsunternehmen darauf gewartet haben, in großem Stil Stipendien zu vergeben, von denen sie nichts haben, ist zudem fraglich ("Das Stipendium darf weder von einer Gegenleistung für den privaten Mittelgeber noch von einer Arbeitnehmertätigkeit oder einer Absichtserklärung hinsichtlich einer späteren Arbeitnehmertätigkeit abhängig gemacht werden", §5 Abs.2)

Dagegen scheinen die Grundsatzfragen fast schon nachrangig: Warum 8% jeder Hochschule? An der Bucerius Law School studieren die 8% besten eines Jahrgangs, warum dann hier nicht alle? Und überhaupt: warum 8%? warum nicht 10? und: gemessen woran? Hier wird ziel- und konzeptlos gefördert. Warum das am Ende "Elitestipendien" genannt wird, ist ebenso schleierhaft, unabhängig davon, ob man Elite positiv oder negativ besetzt sieht. Eine Elite entsteht dadurch jedenfalls nicht.

Im Übrigen: die wirklich dringend nötige BaFöG-Erhöhung wurde in derselben Bundesratssitzung in den Vermittlungsausschuss verschoben...

Kommentare:

  1. Johannes Becher14. Juli 2010 um 11:47

    Schwingt hier vielleicht auch etwas die Sorge mit, der Wettbewerb um Sponsorengelder könnte härter werden? Oder, dass potentielle Sponsoren aufgrund der vielen Anfragen staatlicher Unis die Lust verlieren?

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  2. ...nicht bei diesen (vergleichsweise geringen) Summen. Der Unsinn liegt an anderer Stelle, siehe oben.

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