Mittwoch, 1. Dezember 2010

Geheimnis, Gerücht, Gewissheit? Über Schriftkultur und Wissenschaft

Rund um die Wikileaks-Ereignisse habe ich den Kommentar aufgeschnappt, nun sei möglicherweise „das Ende aller Geheimnisse“ gekommen. Wie furchtbar, dachte ich sofort, sind doch Geheimnisse etwas Wundervolles und Kostbares – so kostbar, dass man sie verschlossen aufbewahren muss (und sei es im Herzen), weil sie sonst keine Geheimnisse mehr sind…

Eine Kindheit ohne Geheimnisse scheint mir unmöglich und auch nicht im Ansatz wünschenswert, eine Erwachsenenwelt nur schwer vorstellbar. Was aber, wenn Geheimnisse keine mehr sind, sobald sie in irgendeiner Form verschriftlicht sind?

Aus Schweden weiß man, dass das dortige Informationsfreiheitsgesetz nicht nur zu einem Recht der Bürger geführt hat, von öffentlichen und halböffentlichen Stellen Einsicht in praktisch alle Unterlagen verlangen zu können, also etwa in Sitzungsprotokolle der Handelskammern, auch wenn diese nicht öffentlich tagen. Das Gesetz hat auch zu einem Rückgang schriftlicher Akten und Unterlagen insgesamt geführt. Wer damit rechnen muss, dass seine Niederschriften auch von denen gelesen werden, für deren Augen sie gerade nicht bestimmt sind, wird sich sehr genau überlegen, was er überhaupt aufschreibt – zumal wenn es sich in der Form um leicht kopier- und verbreitbare digitale Daten handelt.

Steht uns ein Rückschritt in der Evolution bevor? Die Kultur der Schriftlichkeit verdanken wir vermutlich der Hochkultur Ägyptens vor rund 6.000 Jahren. Sie hat auch zum Entstehen der ersten Universität überhaupt geführt (in Kairo) und gilt als wesentliche Voraussetzung für Wissenschaft. Wenn zwar immer mehr geschrieben (gebloggt, geposted, gesmst, gemailt, getwittert) wird, alle „sensiblen“ Inhalte aber nur noch mündlich überliefert werden, um nicht „geleakt“ zu werden, was dann?

An einer Hochschule, an der alle Formen transparenter Kommunikation vom Jahresbericht über Klausurtagungen, SV-Sitzungen, Aktuelle Stunden, einer Intranet-Rubrik mit Fragen an die Hochschulleitung und ohnehin meist offenen Türen genutzt werden, gibt es vielleicht keine Geheimnisse mehr, aber dennoch jede Menge Gerüchte, weil ja auch hier von allen über alles geredet, gebloggt, getwittert etc. wird. Irgendwie tröstlich und auch schön – und vielleicht doch kein Grund, so besorgt dreinzublicken wie Prinz Amed Fuad, anno 1908 Rektor der ältesten Universität der Welt in Kairo, der sich das alles gar nicht hätte vorstellen können...

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