Mittwoch, 15. Dezember 2010

Privat und forschungsorientiert...

...ist im Hochschulbereich in Deutschland bekanntermaßen selten. Von der WHU wissen wir es, ebenso von Hertie, Jacobs und der ZU. Letztere stellt jetzt als erste deutsche Hochschule ab Herbstsemester 2011 die Regelstudienzeiten ihrer gesamten Bachelor-Studiengänge um - von bisher drei auf vier Jahre. Sie reagiert damit auf G8 und unterstreicht ihren Anspruch auf ein forschungsorientiertes und persönlichkeitsbildendes Studium. Chapeau!

Die Studierenden bekommen mehr Zeit für eigene Forschungs- und Projektstudien: das erste Jahr („Zeppelin Jahr“) ist von einem interdisziplinären und methodenbasierten Forschungsprojekt in Kleingruppen geprägt, das bewusst als Phase der "Entschulung" angelegt ist - willkommen in Akademia! Das vierte Jahr („Humboldt Jahr“) prägt ein Individualforschungsprojekt an einem Lehrstuhl bzw. Forschungsverbund der ZU oder an einer Partneruniversität im Ausland. Der mit uns befreundete ZU-Präsident Stephan Jansen benennt das Ziel: "mehr Eigenzeit für Eigenwilliges, mehr Reflexion als bloße Übersichtsveranstaltungen, mehr Nachfrageermöglichung als beschleunigtes Angebot“.

Dass vier Jahre Sinn machen, wissen wir hier - dank des Staatsexamens - zwar auch, aber die spannende Frage mit Blick auf Forschungsorientierung wartet hier noch auf ihre Antwort: was wäre hier plötzlich möglich, wenn es das Zwangskorsett des Staatsexamens nicht mehr gäbe? Wieviel mehr Humboldt steckt in Bucerius, wenn JAO und Prüfungsgegenständeverordnung irgendwann Platz machen für ein wirklich individuelles Profil? Es wäre jedenfalls wert, darüber nachzudenken. Verfolgen werden wir, wie die "kreativen Wilden" aus Friedrichshafen reüssieren - und wünschen ihnen dafür jeden Erfolg!

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Art of Law at Bucerius

Liebe Leser, Weihnachten naht – für viele mit der drohenden Suche nach einem originellen Geschenk, mit dem man den Lieben eine Freude machen kann. Wie gut, dass es bei WenzDay dafür eine wunderbare Idee gibt, die sich das Künstlerkombinat einer aufstrebenden privaten Rechtshochschule ausgedacht hat: Unter dem Kürzel "ALB" (Art of Law at Bucerius) entstand in der Reihe "Campus im Kasten" das diesjährige Motiv "Framed Apple Tree". Es ist eine Allegorie auf die unvergängliche Jugend der Hochschule mit einer sich stets erneuernden Studentenschaft, wobei gleichzeitig der vorbeiziehenden Jahreszeiten (vgl. Karsten Schmidt, a.a.O.) gedacht wird.

Wer Zustifter der "1.000 x 1.000"-Kampagne der Hochschule wird, bekommt als Dankeschön eines dieser einzigartigen Kunstwerke. So kann man den Lieben nicht nur einen Apfel- unter den Tannenbaum stellen, sondern auch zum Aufbau eines eigenen Stiftungskapitals der Bucerius Law School beitragen. So kann es doch Weihnachten werden!

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Geheimnis, Gerücht, Gewissheit? Über Schriftkultur und Wissenschaft

Rund um die Wikileaks-Ereignisse habe ich den Kommentar aufgeschnappt, nun sei möglicherweise „das Ende aller Geheimnisse“ gekommen. Wie furchtbar, dachte ich sofort, sind doch Geheimnisse etwas Wundervolles und Kostbares – so kostbar, dass man sie verschlossen aufbewahren muss (und sei es im Herzen), weil sie sonst keine Geheimnisse mehr sind…

Eine Kindheit ohne Geheimnisse scheint mir unmöglich und auch nicht im Ansatz wünschenswert, eine Erwachsenenwelt nur schwer vorstellbar. Was aber, wenn Geheimnisse keine mehr sind, sobald sie in irgendeiner Form verschriftlicht sind?

Aus Schweden weiß man, dass das dortige Informationsfreiheitsgesetz nicht nur zu einem Recht der Bürger geführt hat, von öffentlichen und halböffentlichen Stellen Einsicht in praktisch alle Unterlagen verlangen zu können, also etwa in Sitzungsprotokolle der Handelskammern, auch wenn diese nicht öffentlich tagen. Das Gesetz hat auch zu einem Rückgang schriftlicher Akten und Unterlagen insgesamt geführt. Wer damit rechnen muss, dass seine Niederschriften auch von denen gelesen werden, für deren Augen sie gerade nicht bestimmt sind, wird sich sehr genau überlegen, was er überhaupt aufschreibt – zumal wenn es sich in der Form um leicht kopier- und verbreitbare digitale Daten handelt.

Steht uns ein Rückschritt in der Evolution bevor? Die Kultur der Schriftlichkeit verdanken wir vermutlich der Hochkultur Ägyptens vor rund 6.000 Jahren. Sie hat auch zum Entstehen der ersten Universität überhaupt geführt (in Kairo) und gilt als wesentliche Voraussetzung für Wissenschaft. Wenn zwar immer mehr geschrieben (gebloggt, geposted, gesmst, gemailt, getwittert) wird, alle „sensiblen“ Inhalte aber nur noch mündlich überliefert werden, um nicht „geleakt“ zu werden, was dann?

An einer Hochschule, an der alle Formen transparenter Kommunikation vom Jahresbericht über Klausurtagungen, SV-Sitzungen, Aktuelle Stunden, einer Intranet-Rubrik mit Fragen an die Hochschulleitung und ohnehin meist offenen Türen genutzt werden, gibt es vielleicht keine Geheimnisse mehr, aber dennoch jede Menge Gerüchte, weil ja auch hier von allen über alles geredet, gebloggt, getwittert etc. wird. Irgendwie tröstlich und auch schön – und vielleicht doch kein Grund, so besorgt dreinzublicken wie Prinz Amed Fuad, anno 1908 Rektor der ältesten Universität der Welt in Kairo, der sich das alles gar nicht hätte vorstellen können...