Mittwoch, 24. August 2011

Kaufmannsgeist statt Krämerseele



Zwei Meldungen, am selben Tag kürzlich im Hamburger Abendblatt: "Lehrlinge verzweifelt gesucht", weil 2000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können, und "Marketingprojekt steht vor dem Aus" über die "Hamburg-WG", mit der die Hamburg Marketing GmbH junge Menschen für Hamburg gewinnen will. Ist es Zufall? Oder sinnbildlich für die Suche der Stadt nach ihrem Kurs, hinter dem die Frage steht, wovon wir hier in 20 Jahren leben wollen?

In einem Land, dem die Bewohner langsam ausgehen, auf einem Kontinent, der schrumpft und altert, muss eine Stadt, die sich behaupten will, eine Idee entwickeln, wie sie für sich gewinnt, was immer knapper wird: gut ausgebildete, junge, kreative Menschen, die mit ihren Ideen, ihrer Arbeitskraft und ihren zukünftigen Familien die Stadt bevölkern, Steuern zahlen und sie lebenswert erhalten. Das ist kein Untergangsszenario, sondern der nüchterne Blick auf einen schleichenden Prozess, auf den man reagieren muss, bevor man ihn spürt - eine große Herausforderung an die Politik, die oft nur an die nächste Wahl denkt, manchmal sogar nur an die Schlagzeile von morgen. Natürlich "entvölkert" sich Deutschland nicht gleichmäßig. Der Osten ist stärker betroffen als der Westen, der Norden stärker als der Süden. Eine weitere Erkenntnis: Der Stadt gehört die Zukunft. Städte werden im 21. Jahrhundert die Kristallisationskerne der menschlichen Zivilisation sein. 2008 lebten erstmals weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Der Trend hält an. Allerdings entwickeln sich die Städte nicht gleich: In der Geschichte war Braunschweig bedeutender als Berlin, Lübeck größer als Hamburg, München war bis zu den Olympischen Spielen 1972 ein etwas zu groß geratenes Nürnberg.

Was Städte tun müssen, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein, finden Forscher wie Alain Thierstein, Professor für Raumentwicklung an der TU München, oder Edward Glaeser, Professor mit deutschen Wurzeln an der Harvard University heraus. Wertschöpfung, so ihre These, hat mit Bildung zu tun. Neben bekannten Standortfaktoren wie Hafen, Flughafen, Infrastruktur und Gewerbeflächen müssen wir vor allem auf Hochschulen, Forschungseinrichtungen und sogenannte wissensbasierte Industrien und Dienstleitungen setzen - als Antrieb für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Hamburg braucht als Anziehungspunkte Hochschulen, die so ausgestattet sind, dass sie bessere Bedingungen bieten als Göttingen, Lüneburg oder Münster - von München oder Freiburg ganz zu schweigen. Geld für gute Lehre in kleinen Gruppen, für Studenten-Cafés und Wohnheime ist gut investiert. Dass gerade privates Engagement hier mit Strahlkraft über Hamburg hinaus vieles bewirken kann, zeigen die Bucerius Law School, die HSBA und die Kühne Logistics University, weitsichtige Gründungen aus Kaufmannsgeist.

Hinzu kommt das Lebensgefühl einer "creative city", in der der eigene Lebensentwurf zwischen Schanze, Ottensen und Elbchaussee entstehen kann und sich das Arbeiten tagsüber im Büro in der City mit dem Chillen abends auf dem Kiez vereinbaren lassen. Hamburg braucht Subkultur und kreative Szenen. Das ist nicht der Ruf nach staatlichen Subventionen für subversive Kunst, sondern nach Freiräumen, Probebühnen, Atelierflächen und Klubs, nach toleranten Miet- und Eigentumsverhältnissen und für die Abwesenheit von Bürokratie, damit Hamburg nicht das Blankenese Berlins wird. Die HafenCity und die Stadtentwicklungsperspektive des "Sprungs über die Elbe" mit IBA und IGS 2013 bieten jede Menge Chancen für Ungeplantes und Kreativität.

Schließlich braucht es ein Stadtmarketing, das diese Botschaft bundesweit und international transportiert. Nichts gegen Werbung für Hafenrundfahrten und Pauschalpakete für Busreisen aus dem Ruhrgebiet, aber das reicht nicht. Hamburg muss "like" sein bei denen, die wir für uns gewinnen wollen: Menschen zwischen 18 und 25, die nicht nur einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen, sondern auch ein Lebensgefühl, eine Stadt mit "groove". Hamburg gehört in die Liga Barcelona, Mailand, Kopenhagen - nicht Hannover, Lübeck, Lüneburg, auch wenn die alle schön sind. Dazu muss man auch neue Formate im Stadtmarketing ausprobieren dürfen, so wie Kaufleute neue Märkte erschließen, in denen sie etwas wagen. Hamburg hat eine große Chance, zu den "big cities", zu gehören. Aber nur, wenn der Kaufmannsgeist Oberhand über die Krämerseele behält.

Kommentare:

  1. Das ist ein Witz... Du willst wissen, was "like" ist und was "groovt"? Zieh deinen Spießeranzug aus, leg deine ganze anbiedernd-bourgeoise Fassade ab, verzichte auf die Unterscheidung zwischen Kaufmannsgeist und Krämerseele, beides beschreibt den selben Scheiß. Merke: wer bloß verkaufen will, gehört niemals zum kreativ-coolen underground, nicht in Berlin - und schon garnicht in Hamburg!

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  2. @swingingjoe:
    kritik ist grundsätzlich hörens-/lesenswert, wenn du jedoch schon derartig ausfallend werden musst, dann verzichte du doch bitte auch auf deine anbiedernd-anonyme Fassade

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  3. ... ich habe vor allem das Argument dahinter noch nicht gefunden....

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