Mittwoch, 26. Oktober 2011

Der Seiltänzer, das Netz und worauf es am Ende ankommt

Michael Göring hat ein beeindruckendes Buch geschrieben: Der Seiltzänzer. Der Vorstandschef der ZEIT-Stiftung, der sich bislang als Sachbuchautor ("Unternehmen Stiftung", "In Hamburg stiften gehen") hervor getan hat, wechselt das Fach: in seinem ersten Roman beschreibt er den Weg von Thomas und Andreas, zweier Jugendfreunde in Westfalen, von denen der eine Hochschullehrer und der andere katholischer Priester wird. Aus der Perspektive der beiden im Alter von etwa 50 blickt er auf die unterschiedlichen Lebenswege zurück: wie es gemeinsam begann, wie sie sich anfreundeten, wie sie gemeinsam glückliche und schwierige Zeiten meistern, ja sogar der Tod spielt früh eine Rolle. Die drei Fragen Kants: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? durchziehen den Roman auf der Suche danach, worauf es im Leben am Ende wirklich ankommt. Das Leben als Tanz auf dem Seil - und immer die Frage: wer ist mein Netz?

Es ist aber nicht nur ein Entwicklungs- und Freundschaftsroman, es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Anforderungen der katholischen Kirche an ihre Priester, denen das Zölibat oft zu schwer, zu menschenfeindlich wird, und das sie doch leben oder zumindest darstellen müssen. Wenn dann noch Missbrauchsvorwürfe dazu kommen...

In Zeiten, in denen manch' seltsame Form des Katholizismus fröhliche Urstände feiert, etwa mit der Wiedereinführung der tridentinischen Messe, der schleichenden Abkehr vom frischen Wind des Zweiten Vatikanum oder der frömmelnden Mythologisierung unseres Glaubens durch meinen Freund (sic!) Matthias Matussek, "den Rolf Seelmann-Eggebert der römischen Kurie", ist es wohltuend zu lesen, welche Fragen es denn wirklich sind, mit denen wir uns in der katholischen Kirche Deutschlands befassen sollten. Sie sind nur vordergründig schwierig und komplex - in Wahrheit sind sie sehr offensichltich und nah am Menschen.

Wer Michael Göring zu diesem Thema live erleben will und ihn gestern im Literaturhaus Hamburg verpasst hat: am 30. November um 16 Uhr kommt er ins Studium generale der Bucerius Law School.

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich sehr lesenswertes Buch, das mit viel Liebe zum Detail beschreibt und beweist, dass der Autor nicht immer Hamburger war.

    Ich bin sehr gespannt auf die Veranstaltung mit Herrn Göring und hoffe einiges über seine Inspiration und Motivation zu lernen, obwohl ich der Aussage, die der Roman über die vermeintlich notwendigen Handlungsweisen der katholischen Kirche macht, nicht zustimmen kann. Im Gegenteil denke ich, dass, wie in vielen Bereichen üblich, das Angebot der Nachfrage anzupassen für eine Religion nicht die optimale Vorgehensweise sein kann.

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