Mittwoch, 5. Oktober 2011

Netzwerk der Vordenker

Wo liegt die Wiege der Deutschland AG? In Baden-Baden, genauer gesagt im Palais Biron (siehe Bild). Hier sind die "Baden-Badener Unternehmergespräche" zu Hause, die seit rund 60 Jahren zweimal jährlich jeweils rund 30 Führungskräfte der deutschen Wirtschaft versammeln. In Vorträgen und Diskussionen nach "Chatham House Rules" werden wirtschafts- und industriepolitische Herausforderungen diskutiert, die Rolle der Medien, die Bedeutung von Innovationen, Kommunikation und Kultur.

Dass es sich um ein Netzwerk handelt, das vordenkt und vorausschaut, ist für alle Teilnehmer Verpflichtung und Herausforderung zugleich. Wie gut, dass sich der Teilnehmerkreis nicht zu eng als Zirkel von Ingenieuren und Kaufleuten versteht - wie sonst wäre zu erklären, dass der Geschäftsführer eines Non-Profit-Unternehmens wie der Bucerius Law School nun dazu gehört. Vordenken ist - dank engagierten Studenten und forschungsstarken Professoren - an unserer Hochschule quasi eingebaut. So kann eine kleine, aber exzellente Einrichtung wie unsere Hochschule einen Beitrag dazu leisten, dass in Baden-Baden die "Deutschland AG 2.0" erdacht wird - die europäischer, internationaler, diversifizierter und zugleich vernetzter zwischen Branchen und Sektoren, Wirtschaft und Wissenschaft sein wird. Eine wichtige Voraussetzung wird dabei das Innovationsklima sein, das derzeit zwischen Zukunftssorgen und Wutbürgern eingeklemmt ist - eine Herausforderung an alle künftigen Meinungsführer und damit auch an die Absolventen der Bucerius Law School. 

Kommentare:

  1. Ist eine "Deutschland AG 2.0" erstrebenswert???

    "Mit dem Begriff Deutschland AG wurde zumeist eine negative Bewertung des Netzwerkes verbunden, indem unterstellt wurde, dass die Verflechtungen ein abgestimmtes Verhalten zulasten Dritter erzeugten, Wettbewerb behinderten und einen koordinierten Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen ermöglichten. Andererseits wurde unter dem Stichwort Rheinischer Kapitalismus diskutiert, ob eine koordinierte Wirtschaft gegenüber einer zu stark liberalisierten Wirtschaftsordnung Vorteile biete." http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland_AG

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  2. Dem würde ich entgegenhalten: dass Deutschland so gut durch die Wirtschafts- und Finanzkrise kam, dürfte stark mit der Struktur und der Ordnung unserer Wirtschaft zusammenhängen: Das "German Wunder" (Economist) hat seine Ursache in einem hohen Anteil industrieller Wertschöpfung, der Leistungsfähigkeit deutscher Ingenieure und Industriemeister (auch dank der Qualität der dualen Ausbildung), einer internationalen Diversifizierung der Wertschöpfung und einem starken deutschen Mittelstand. Hinzu kommen moderate Lohnabschlüsse der letzten Jahre, die sich an der Produktivitätssteigerung orientierten. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Modellen mit geringer industrieller Wertschöpfung und hohem Dienstleistungs- (und Finanzwirtschafts-)Anteil und auch im Gegensatz zum französischen Staatswirtschaftsmodell ist Deutschland mit seiner Form der "sozialen Marktwirtschaft" bestens aufgestellt.

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  3. Die Negativkonnotation der Deutschland-AG hat m.E. weniger mit Fragen exzellenter Ausbildung, Diversifizierung, oder industrieller Wertschhöpfung zu tun. Vielmehr impliziert der Begriff eine undurchlässige Verknüpfung wirtschaftlicher Entscheidungsträger, die ökonomische Macht unter sich aufteilt. Diese Tendenz existiert wesentlich stärker in den USA und Frankreich, die auch deutlich stärker unter der Krise gelitten haben. Entsprechend finde ich den unkritischen Umgang mit Ideen wie "Deutschland-AG 2.0" oder dem Konzept abgeschottet netzwerkender Führungskräfte, die sich in Baden-Badener Landsitzen versammeln etwas fragwürdig. Er entspricht auch nicht dem Eindruck den die BLS nach außen vermittelt.
    Vgl. auch:
    http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2011-11/innere-zirkel-wirtschaftselite/seite-1

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  4. bravo, anonym! gut den punkt getroffen!

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