Mittwoch, 27. April 2011

Leistungsfähig und vorbildlich?

Die Jahrestagung der International Association of Law Schools (IALS) von 12. bis 15. April in Buenos drehte sich um „Teaching, Legal Education and Strategic Planning“. An zwei Konferenztagen diskutierten rund 150 Vertreter rechtswissenschaftlicher Fakultäten aus der ganzen Welt über Fragen der curricularen Gestaltung und der Methodik der Wissensvermittlung. Deutschland ist mit gerade einmal zwei Hochschulen in der IALS vertreten: der FU Berlin und der Bucerius Law School. Als einziger Deutscher hielt Prof. Karsten Schmidt, Präsident der Bucerius Law School einen Vortrag über „Pedagogy: A German Perspective“; ich selbst war in den vergangenen Jahren Mitglied des Vorstands der IALS, Bucerius gehört zu den Gründungsmitgliedern.

Natürlich fällt auf, wie stark das US-amerikanische Leitbild in der „legal education“ die Diskussionen dominiert. Die case-basierte „socratic method“ und die ohne Dogmatik, dafür aber mit allen möglichen zeitgeistigen Strömungen unterlegte und mit „clinics“ praktisch umsetzbare Juristenausbildung entwickelt sich zur Blaupause im internationalen Diskurs. Alle Law Schools weltweit, die sich eine moderne Form der Lehre zu eigen machen wollen (und solche gibt es in fast allen Ländern, meist sind sie übrigens privat) setzen auf dieses Modell statt auf (oft enzyklopädische) Wissensvermittlung.

Da mutet es gerade zu wunderlich an, wenn in der FAZ vom 7. April über die deutsche Rechtswissenschaft behauptet wird, sie „habe sich bewährt und sei international führend“. Das mag aus der eigenen Froschperspektive so aussehen, und natürlich stimmt es auch, dass die (guten) deutschen Juristen international mitspielen können und in den LL.M. Programmen oft zu den Besten zählen. Es trifft aber keineswegs auf unsere Ausbildung zu.

Die Behauptung stammt von Henning Radtke, dem Vorsitzenden des deutschen Juristen-Fakultätentages und Peter Huber, seinem Vorgänger in diesem Amt. Sie schreiben eine Replik auf Christoph Möllers und Michael Heinig, die unter der Überschrift „Kultur der Kumpanei“ ihrer eigenen Zunft mächtig vors Schienbein getreten haben. Sicherlich haben sie dabei überzogen, aber im Kern doch recht mit der Behauptung, „zentrales Problem aber ist ein Mangel an Wissenschaft in der Ausbildung selbst. Die Entwicklung von Fragestellungen, die Formulierung von Thesen wird in der Rechtswissenschaft nur ausnahmsweise gelehrt.“

Auf der internationalen Bühne wird dies auch so gesehen. Holzschnittartig gilt: „Wissenschaft“ ist das, was in den USA und den angelsächsischen Ländern passiert, mit kritischer Herangehensweise und akademischem Anspruch. „Ausbildung“ ist das, was die lateinische Welt betreibt, von Frankreich über Italien und Spanien bis nach Lateinamerika. Deutschland ist irgendwo dazwischen, aber keinesfalls führend. Schade, dass in Buenos Aires weder Herr Radtke noch Herr Huber gesichtet wurden – es wäre sicher interessant gewesen, ihre These auf internationaler Ebene zu diskutieren.

Mittwoch, 20. April 2011

Elite

Im (übrigens sehr gelungenen) Facebook-Auftritt der ZEIT-Stiftung, unserer "alma mater", findet sich unter den Miniaturen zum 40jährigen Bestehen der Stiftung ein wunderbares Zitat unseres Stifters zu Eliten. Wir selbst bemühen den Begriff bekanntlich nicht für uns, bekommen ihn aber immer wieder entgegen gehalten - mal mit positiver, mal mit negativer Konnotation. Wenn wir ihn verwenden, dann in der Definition "Elite sind Menschen, die von anderen wegen ihres Verhaltens oder ihrer Leistungen für Vorbilder gehalten werden". Damit gilt, dass 1. jeder dazugehören kann und 2. niemand sich selbst dazu erklären kann.

Wie sehr der kulturelle Kontext bei der Elitendiskussion eine Rolle spielen kann, zeigt sich am Beispiel der Packung "pañuelos", die ich just aus Buenos Aires mitgebracht habe: in Argentinien kann man die "Elite" in die Tasche stecken. Sie wirbt für sich mit maximaler Weichheit und hat vor allem eine dienende Rolle, vor allem bei Schnupfen und Freuden-, Rührungs- oder sonstigen Tränen. Ob sich der Hersteller damit eine goldene Nase verdient und damit womöglich schon zur Elite des Landes zählt, entzieht sich allerdings der Kenntnis des Verfassers...

Mittwoch, 13. April 2011

Unter Ökonomen

V.l.n.r.: Thomas Mayer, Hariolf Wenzler, Karl-Heinz Paqué,
Birgit Weitemeyer, Arndt P. Funken in der
Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt / Main
Vergangene Woche fand eine Veranstaltung unseres „Instituts für Stiftungsrecht und das Recht der Not for Profit-Organisationen“ gemeinsam mit der Deutschen Bank in Frankfurt großen Zuspruch: Rund 100 Teilnehmer waren in die neu (und „grün und nachhaltig“) renovierten Zwillingstürme in Frankfurt gekommen, um sich über „Nachhaltigkeit in der Stiftungsarbeit“ zu informieren. Mein Highlight der Veranstaltung waren Karl-Heinz Paqué, ehemaliger FDP-Finanzminister in Sachsen-Anhalt und heute (wieder) VWL-Professor in Magdeburg der gemeinsam mit Thomas Mayer, dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank über Wachstum und Nachhaltigkeit sprach. Beide entstammen dem Kieler Institut für Weltwirtschaft und sind sich in puncto Nachhaltigkeit einig: Wachstum und Wettbewerb im Rahmen richtig gesetzter Regeln sind in einer Marktwirtschaft die besten Voraussetzungen für den schonenden Umgang mit Ressourcen. Wer’s nachlesen will, kann dies im jüngst erschienen, lesenswerten Buch „Wachstum!“ tun, in dem Paqué auf eine angenehm unaufgeregte Art mit Vorstellungen aufräumt, die sich langsam, aber sicher ins Bewusstsein zu schleichen drohen - den „Heiner Geißler et. al. – Quatsch“ vom Ende des Wachstums zum Beispiel oder die Unterscheidung zwischen „schlechtem“ quantitativen und „gutem“ qualitativen Wachstum. Klar, schnörkellos, auf den Punkt - so gelegentlich ist es eben doch schön, unter Ökonomen zu sein.

Mittwoch, 6. April 2011

Hoher Besuch

"Nachtwächter" wäre ihm nie gerecht geworden: Horst Rodemann (74) war viele Jahre der gute Geist an der Bucerius Law School. Er war eigentlich der Butler der Hochschule: die Nachtarbeiter kannten und schätzten seine diskrete und zurückhaltende, gleichwohl immer aufmerksame Art - vom Präsidenten bis zum Ersttrimester hatte er alle im Blick, die sich durch lange oder zumindest späte Arbeitszeiten auszeichneten. Rodemann, der sich selbst als Kriminologe und Hermeneutiker begreift, wurde zudem ein besonderes Geschenk zum Abschied zuteil: Hochschule und Alumni bedachten ihn mit einem Hummel-Stuhl, der zu seinem Andenken auf dem Campus steht. Sein spontaner Besuch brachte mich auf die Idee, ihn auf diesem Wege auch den jüngeren Jahrgängen und denen außerhalb des Campus näherzubringen. Besondere Menschen trifft man hier nämlich des Öfteren, auch außerhalb von Akademia.