Mittwoch, 28. März 2012

promovere: voranbringen?


In Titeldeutschland tut sich was, dank amerikanischer Hilfe und der Vertriebsleistung des (bei uns wegen unserer Nähe zu Daily Deal unbeliebten) Rabattportals Groupon: Einen Ehrendoktortitel der akademisch bedeutenden Miami Life Development Church gibt es diese Woche mit 74% Rabatt! Die Netzwelt weiß, dass es gegen eine Spende von 39 Euro den kirchlichen Ehrendoktor gibt, den Ehrenprofessortitel verkauft Groupon für 49 Euro. Beide Titel zusammen sind für 59 Euro zu haben. Ein echtes Schnäppchen, denn ohne Groupon-Deal würde der Doktortitel 150 Euro kosten.

Zur Auswahl stehen mehrere Fachrichtungen, darunter Gospel-Musik, Metaphysik oder Aroma- und Engeltherapie. Laut Anbieter darf der gekaufte Titel nur mit dem Zusatzes h.c. (honoris causa) und der Angabe des Fachgebiets sowie des Herkunftslandes weltweit geführt werden, um nicht mit Amts- oder Dienstbezeichnungen verwechselt werden zu können.

Bei meinem letzten update hatten sich bereits mehr als 3.400 Kunden gefunden, die künftig ihre Visitenkarte, ihr Türschild und die Mülltonne mit dem begehrten Namenszusatz versehen können und endlich beim Metzger als Herr Doktor oder Frau Professor angeredet werden.

Für diejenigen, die sich in "Akademia" bewegen, sehr befremdlich. Einerseits, weil man sich ausgerechnet an Hochschulen aus Titeln nichts macht, insbesondere im alltäglichen Umgang. Andererseits weil man Ehrendoktorwürden nur sehr selten aus dann nur an ganz herausragende Persönlichkeiten, in der Regel aus anderen Fakultäten oder aus dem Ausland, vergibt. Einziger Ehrendoktor der Bucerius Law School ist Prof. Richard Buxbaum von University of California, Berkeley.

Man kann sich also über das Titelgeschäft aufregen (nicht mein Ding), sich darüber lächerlich machen (wäre schade für Buxbaums et. al.) oder ihm die Grundlage entziehen, wofür ich ganz entschieden plädiere: Akademische Titel sollte keine Namensbestandteile mehr sein und auch nicht mehr vor dem Namen geführt werden dürfen, sondern - wie andere akademische Grade auch, siehe Dipl.-Ing., PhD, LL.M., etc. - Teil des eigenen Lebenslaufs sein, aber nicht zur Anrede gehören. Und schon wäre die Luft 'raus.

Schade wäre das allerdings für die Miami Life Development Churchund ihre akademischen Anstrengungen in den vielen interessanten Orchideenfächern, und natürlich für Groupon. Aber auch da hält sich unser Mitleid in Grenzen...

Mittwoch, 21. März 2012

Bucerius als Vorbild für US Law Schools?

Zur Zeit scheint Deutschland als Vorbild in den USA "en vogue" zu sein; jedenfalls behauptet das der SPIEGEL in seiner englischsprachigen Ausgabe mit Berufung auf Steven Rattner. Er ist der frühere Berater von US Präsident Bill Clinton und war später Beauftragter von US Präsident Obama für die amerikanische Automobilindustrie, um sie durch die Krise zu manövrieren. Heute ist Rattner Manager des Vermögens von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und ein gefragter Wirtschaftsexperte in Washington, der der amerikanischen Industrie das "German Model" empfiehlt.

Ähnlich geht es unserem Modell der Finanzierung von Studiengebühren: G. Marcus Cole, Wm. Benjamin Scott & Luna M. Scott Professor of Law an unserer Partneruni in Stanford, war als Experte vor den Justizausschuss des US Senats geladen, der eine Anhörung zu Studiengebühren in den USA durchführte. Hintergrund ist die zunehmende Zahl von Kreditausfällen von Studiendarlehen, weil sich viele Studenten in den USA hoch verschuldet haben, aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage aber keinen Job erhalten, der ihnen eine planmäßige Rückzahlung ermöglicht. Die Faustregel für "student loans" in den USA lautet: wer nach der Law School Schulden in Höhe von 150.000 US $ hat, braucht einen Job mit einem Einstiegsgehalt von 150.000 US $ p.a., um realistischerweise innerhalb von zehn Jahren die Schulden loszuwerden. Das ist mittlerweile kein Selbstgänger mehr, weil immer mehr Mandanten keine "first und second year associates" auf der Rechnung sehen wollen - und damit das Geschäftsmodell vieler Kanzleien ins Wanken gerät. 

Marcus Cole, dessen Forschunbgsgebiete bankruptcy, venture capital und banking regulation sind und der regelmäßig im "Master of Law and Business - Joachim Herz Program" von Bucerius und WHU unterrichtet, erwähnte in seinem statement als Alternative den "Umgekehrten Generationenvertrag" der Bucerius Law School. Mit dem Verzicht auf ein fixes Darlehen und stattdessen einer einkommensabhängigen Rückzahlung sei es möglich, risikolos selbst an einer exzellenten ("very top of the German legal academy"), aber vergleichsweise teuren privaten Hochschule zu studieren.

Sein Statement als pdf findet sich hier (siehe Seite 6), der Webcast seines Statements hier (siehe ab Min. 73:30). Wir sind gespannt, wie sich die Diskussion in den USA entwickeln wird und freuen uns, mit unserer kleinen Hochschule nicht nur Impulse in die deutsche Bildungslandschaft zu setzen, sondern imm er stärker auch jenseits des Teiches wahrgenommen zu werden.