Mittwoch, 30. Mai 2012

Was Hamburg (und Deutschland?) von New York lernen kann

New York - das ist die ewige Geschichte vom amerikanischen Traum, "if you can make it there, you'll make it anywhere". New York, genauer: Manhattan, ist auch die Stadt, Sinnbild der Urbanität. Sie ist nicht nur Weltfinanzzentrum, UN-Sitz und Touristenmagnet, vornehme Adresse für viele sehr Reiche, Sehnsuchtsort für Wagemutige und Hoffnungsort für viele sehr Arme, sondern auch ein Universitätsstandort: 41 Hochschulen sind hier zu Hause, darunter die "World Class Universities" Columbia und NYU, Fordham, Yeshiva, die New York New School, ein ambitioniertes Reformprojekt mit dem charismatischen Präsidenten David van Zandt, die City University of New York, Pace, Rochester, Rockefeller und 32 andere, die sich der Forschung und Lehre verschrieben haben.

Damit studieren nicht nur rund 700.000 Menschen in New York City und tragen mit (in der Regel vergleichsweise hohen) Studiengebühren und Ausgaben für die Lebenshaltung zum Wohlstand der Stadt bei, sondern liefern auch den begehrtesten Rohstoff der Zukunft: Sie sind gut ausgebildete, kreative junge Menschen, die für den größten Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung stehen und die deshalb jede Stadt und jede Region braucht, wenn sie auch künftig prosperieren will.

Michael Bloomberg, der New Yorker Bürgermeister, hat diesen Zusammenhang verinnerlicht. Weil im 21. Jahrhundert, dem "Jahrhundert der Städte", Kapital und Menschen immer mobiler werden, konkurrieren Städte um Bewohner, Besucher und Unternehmen. Und zwar nicht mit Gewerbesteuerhebesätzen, Ansiedlungssubventionen und billigen Flächen. Sondern mit der Fähigkeit, kreative junge Menschen anzuziehen: durch Musik und Kunst, Design, Restaurants, Szenen, Parks, Clubs - und Hochschulen. Bloomberg hat deshalb eine große Fläche in seiner Stadt ausgeschrieben, um dort einen neuen spektakulären Campus für Ingenieurwissenschaften aufzubauen.

Die gezielte Entwicklung des Hochschulsektors in Kombination mit der Förderung einer kreativen, lebenswerten Stadt, die als hip und cool empfunden wird, zieht nicht nur Wissenschaftler an, sondern vor allem Studenten: junge Menschen im Alter zwischen 18 und 25, die in diesem Lebensalter besonders mobil sind. Sind sie erst einmal hier, bleiben sie später und tragen zur Wertschöpfung bei.

Was tut Hamburg? Bürgermeister Olaf Scholz hat die Bedeutung der Stadt als Kristallisationsort menschlicher Zivilisation erkannt. Gerne zitiert er Edward Glaesers "Triumph of the City" und Doug Sanders' "Arrival City" und weiß daher, dass nicht nur 80 Prozent der weltweiten Wertschöpfung in Städten stattfindet, sondern dass sie auch Orte sind, denen man Lösungen zutraut für die großen Themen. Angesichts der Bedeutung, die Bildung und Hochschulen dafür spielen, tut Hamburg vieles, aber nicht genug.

Hamburg hat von der Globalisierung der Märkte und des Handels sowie dem Wegfall des Eisernen Vorhangs wirtschaftlich enorm profitiert - dank dem Hafen und seiner Lage in Europa. In vielen anderen wichtigen Fragen hat Hamburg seine Chancen nicht genutzt: In der Infrastruktur fehlen zwei Elbquerungen und eine funktionierende Ringstraßenstruktur, das Wachstum des Flughafens ist begrenzt, die Messe ist in der zu engen Stadt geblieben, die Universität in ihrer Breite mittelmäßig, und die Olympiabewerbung ist gescheitert. Man vergleiche das mit der Entwicklung Münchens, das bis in die Siebzigerjahre "ein etwas zu groß geratenes Nürnberg" war und heute in allen genannten Punkten an Hamburg vorbeigezogen ist.

Wenn man nicht über vertane Chancen jammern und sich bloß damit trösten will, dass es hier trotzdem schöner ist, sollte man mit dem Blick in die Zukunft handeln. Die Besetzung der Universität mit einem kraftvollen und kreativen Präsidenten darf ebenso als positives Signal gesehen werden wie beispielsweise die Investitionen in die Klimaforschung oder die gewaltigen Modernisierungen im UKE. Zahlreiche Stiftungen, die Bildung und Wissenschaft fördern, und eine Handelskammer, die für Technologieparks wirbt, sind weitere treibende Momente. Wichtige Impulse kommen zudem von den privaten Hochschulen: die HSBA mit einem eigenen Campus-Neubau, die Gründung der Kühne Logistics University, die erste wirklich europäische länderübergreifende Fakultätsgründung der Asklepios Medical School und die Bucerius Law School als beste deutsche juristische Fakultät, die mit 93 Partnerhochschulen weltweit kooperiert und einen Ableger in New York(!) gegründet hat.

Dagegen wirkt der müde Zuwachs an den staatlichen Hochschulen mit 0,88 Prozent pro Jahr nur wie ein laues Lüftchen, wo ein kräftiger Aufwind für den Wissenschaftsstandort notwendig wäre - und sei es aus rein kaufmännischem Kalkül als Treiber von Wachstum und Wohlstand. Vom notwendigen Bürokratieabbau und der "Entfesselung" akademischer Kräfte ganz zu schweigen, die eine ganze Stadt mitnehmen und in kreative Unruhe versetzen könnte. Hamburg verschenkt damit Potenzial auf dem Weg zur "Big City".

Artikel erschienen in der WELT vom 7. Mai 2012 unter der Überschrift "Die akademischen Kräfte müssen entfesselt werden".

Mittwoch, 2. Mai 2012

Wem gehört der Erkenntnisfortschritt?

"Open access" ist in der Wissenschaftsszene die Bezeichnung für eine Bewegung, die fordert, dass Forschungsergebnisse für alle frei zugänglich und kostenlos im Netz verfügbar sein sollten. Argument: Die Forschung ist (meist ausschließlich oder überwiegend) mit öffentlichen Mitteln und zum Zwecke des Gemeinwohls finanziert worden, also müssen auch die Ergebnisse der Öffentlichkeit unentgleltlich zur Verfügung stehen. Tatsächlich müssen Universitäten und Forschungseinrichtungen aber einen immensen Betrag pro Jahr an die wissenschaftlichen Fachverlage zahlen, um die Journals für ihre Wissenschaftler zur Verfügung stellen zu können. Im Endeffekt muss die öffentliche Forschung also dafür zahlen, Einblick in ihre eigenen Ergebnisse zu erhalten.

Die Gemengelage in der Wissenschaft ist damit komplizierter als im platten Piraten-Getöse der Umsonst-Freibeuter im Netz, denn Urheber von Musik, Literatur und Filmen werden nicht öffentlich für Ihr Tun bezahlt.

An deutschen Hochschulen ist keine einheitliche Linie auszumachen. Viele Professoren verdienen (noch immer) auch ein zweites Mal mit: Mit Lehrbüchern und Verlagstantiemen für ihre Veröffentlichungen. Tendenziell gilt: je näher ein FAch an den Naturwissenschaften, desto mehr wird "open access" publiziert, je näher an den Buchwissenschaften, destro traditioneller gibt man sich. 
 
Die Harvard University hat sich nun offensiv gegen dieses System ausgesprochen und verlauten lassen, dass sie nicht mehr bereit ist, für Journals zu bezahlen, die nur dank der Professoren überhaupt existieren, wie der britische Guardian berichtet. Auch der Economist hinterfragt das Geschäftsmodell, das dazu führt, dass die Preise für wissenschaftliche Zeitschriften im Zeitalter des Internet nicht etwa sinken, sondern steigen. 

Spannend ist die Frage, wie das Geschäftsmodell der juristischen Datenbanken sich entwickelt: Jährliche Preissteigerungen von bis zu 20% werden nicht auf Dauer durchsetzbar sein - in einem Markt, in dem das noch nicht einmal ausreicht, weil für die Zitation in der Hausarbeit auch das gedruckte Exemplar noch vorgehalten werden will. Absurdistan? 

(Mit einem herzlichen Dank an Marlen Thaten.)