Mittwoch, 31. Oktober 2012

Juristische Parallelwelt: Das einträgliche Geschäft mit dem Schweinehund

Juristische Repetitoren, die es schon zu Goethes Zeiten gegeben hat ("den Pauker"), haben ein einträgliches Geschäftsmodell. Es lebt von drei Dingen: erstens der (oft begründeten) Angst der Kandidaten, an ihrer Hochschule nicht hinreichend vorbereitet zu werden, zweitens deren Faulheit (oder Ohnmacht), sich dagegen aufzulehnen - entweder kollektiv durch Einfordern eines entsprechenden Kursangebotes oder individuell durch Vorbereitung auf eigene Faust, z.B. mit Kommilitonen und drittens von der Existenz eines definierten Umfangs an Wissen, der gelernt werden muss.

Auf Seiten der Kandidaten kommt das Argument des "Self-Enforcement" hinzu, das allen wohlmeinenden Studiengebührengegnern bitter aufstoßen dürfte: wer die teuren Kurse beim Repetitior bucht, zwingt sich zum Besuch, damit sich die Ausgaben auch gelohnt haben. Auf diese Weise sorgen Repetitoriumsnutzer für die Stabilisierung des Geschäftsmodells: in dem sie den inneren Schweinehunf überwinden und sich mehr anstrengen, schreiben sie bessere Examina und erfüllen so die Prophezeiung der Repetitoren.

Viele Universitäten haben sich über viele Jahrzehnte in dieser Form der Arbeitsteilung gut eingerichtet. Professoren kümmerten sich um den "akademischen" Teil der Ausbildung, das mühsame Geschäft der Examensvorbereitung überließ man nur zu gerne den Repetitoren und hatte dadurch mehr Zeit für die eigene 
Forschung.So entstand eine Form friedlicher Koexistenz von Akademia und kommerziellem Angebot, von dem beide zu Lasten der Studenten profitierten, die de facto zwei Ausbildungsorte bis zum Examen haben: Uni und Rep.

Einige Universitäten haben zwischenzeitlich reagiert und bieten eigene Examensvorbereitungsprogramme an. Sind sie eine "Konkurrenz" für die Privaten? Werden Repetitoren also bald verschwinden?

Dafür bedürfte es einer weiteren Voraussetzung: der Abschaffung des Staatsexamens - oder zumindest des Prüfungsgegenständekatalogs. Jura ist die einzige (mir bekannte) Geistes- oder Sozialwissenschaft, die das Wissen ihrer Studenten anhand eines abschließend definierten Kanons abprüft. Was "drin" ist, muss gekonnt werden (und wird daher vom Repetitor unterrichtet), was "nicht drin" ist, darf nicht geprüft werden. Der Repetitor hat sich darauf spezialisiert und bietet eine aufs Bestehen des Examens zugeschnittene, vom "Ballast der Wissenschaft" befreite Vorbereitung. Juristische Arbeitsteilung, sozusagen.

Betrachtet man die Veränderungsdynamik im Bereich der juristischen Ausbildung und die Anreizstrukturen auf Seiten der Professoren, der Studenten und der Repetitoren, dann werden die Mischung aus Angst, innerem Schweinehund und Prüfungsgegenständekatalog noch eine ganze Weile dafür sorgen, dass Repetitoren ein Auskommen haben.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Hosen hoch?

Nach einer - zugegebenermaßen sehr langen - Sommerpause ist WenzDay zurück; immerhin passend zum Beginn des Wintertrimesters (oder -semesters) in Hochschuldeutschland. Versprochen: Themen rund um die Juristenausbildung, über gute und schlechte akademische Vorbilder, den Wert von Innovationen an Hochschulen per se, über Internationalisierung und anderes mehr sind schon in der Pipeline. Heute ein nicht wirklich ernst zu nehmender, dennoch wahrer Bericht aus dem Land der offenbar doch nicht unbegrenzten Möglichkeiten, gefunden im ABA Journal:

Über Mode lässt sich, wie über Geschmack ganz allgemein, bekanntlich nicht streiten. Offenbar hat das aber Grenzen: Das Tragen von Hosen, deren Bund (weit) unterhalb der Hüfte sitzt, ist Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen in den USA. Was dort "saggy" (und seltsamerweise hier "baggy") heißt, ist zweifellos ein Modetrend, der schon so manches Hinterteil zum Vorschein und so manches Elternteil zur Verzweiflung gebracht hat. Nun denn.

Wenn aber das Tragen der Hosen die Unterwäsche oder sogar noch Darunterliegendes präsentiert, kann das zumindest in Alabama, Florida, Indiana und Tennessee ein öffentliches Ärgernis darstellen und anderer Menschen Gefühle verletzen. In Albany, Georgia, einem Ort mit 77.000 Einwohnern wurden 2011 Strafen in Höhe von rund $4.000 für Personen verhängt, "who chose to expose".

Die Northwestern High School in Rock Hill, South Carolina verleiht vorsichtshalber Gürtel, bei Nichtbeachtung gibt's einen Termin beim Principal. An der Westside Middle School in Memphis, Tennessee  werden den Studenten schlicht die Hosen hochgezogen, ein Akt, für den es bereits einen eigenen terminus technicus gibt: "to be urkeled" in Anlehnung an Steve Urkel, einen Nerd-Prototyp aus der
90er-Jahre Sitcom Family Matters.

Auch vor Gericht ist die Baggy keine Bagatelle: Im Circuit Court in Autauga County, Alabama wurde ein junger Mann drei Tage ins Gefängnis geschickt, weil er durch das Tragen seiner Hose dem Gericht nicht hinreichend Respekt gezollt hatte. Und ein Richter am Manhattan Supreme Court hat genervt ein Schild an seiner Richterbank anbringen lassen: "Pull up Pants".

Wir haben in den 60ern den Minirock überstanden, in den 70ern die Schlaghosen, in den 80ern die Moon-washed-Jeans und seit den 90ern das Tätowieren sowie das Durchbohren aller möglichen Körperteile mit Metall. Wir werden auch den Blick auf flächendeckend (teil-)entblößte Hinterteile überstehen, den wir seit Generationen nur als "Handwerker-Dekolleté" kannten. Wer weiß schon, was als Nächstes kommt? Im Zweifel gilt auch dann: de gustibus non est disputandum.