Mittwoch, 22. Mai 2013

MUT



Der Künstler Rupprecht Matthies
Als Geschäftsführer einer Jurahochschule bin ich hin- und hergerissen zwischen Fluch und Segen des Staatsexamens (oder der „Ersten Prüfung“, wie’s korrekt heißen muss). Für eine private Hochschule, die sich ihre Studenten selbst auswählt und im Ausbildungskonzept eigene und neue Wege beschreiten kann, ist das Examen einerseits ein Glücksfall: gute Noten werden in einem objektiven Verfahren einer Landesprüfung vergeben, der Prüfling bleibt anonym und verdankt seine Noten seiner Leistung und nicht der Nähe zu einem Professor, dem dessen Nase passt (oder nicht passt). Die jüngste Statistik des Hamburger Justizprüfungsamtes bietet demnach auch viel Grund zur Freude: 2012 haben 80 % der „Bucis“ ein Prädikat erzielt (9 Punkte und besser); der Examensdurchschnitt lag bei 10,12 Punkten. Zweimal gab es sogar die seltene Note „sehr gut“, in beiden Fällen übrigens für Bucerianerinnen.

Also alles gut mit dem Staatsexamen? Zweifellos sind es fordernde Prüfungen, die streng zensiert werden (umso schwerer wiegt das gute Abschneiden), aber was wird eigentlich geprüft? In sechs Klausuren müssen komplexe Sachverhalte gelöst werden. Verschachtelte Fälle, echte Nüsse, die es zu knacken gilt. Aber wird damit eigentlich geprüft, was Juristen später können müssen – und im Studium vielleicht hätten lernen sollen? Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, wirtschaftlicher Sachverstand, Gestaltungskompetenz, interkulturelles Verständnis, Ambiguitätstoleranz – in allen juristischen Berufen werden diese Fähigkeiten immer wichtiger, im Curriculum sind sie nicht vorgesehen. Warum eigentlich? Dass Bucerius mit "Jura Plus" also Jura plus Fremdsprachenprogramm mit Auslandsaufenthalt, dem WHU-Wirtschaftszertifikat, dem Studium generale, dem Studium professionale und dem Studium personale ein Gegengewicht bildet, ist wohl die einzige Ausnahme in Deutschland.

Eine weitere Eigenschaft, die Juristen ebenfalls im juristischen Curriculum nicht vermittelt wird - sie wird ihnen durch ihr Studium sogar tendenziell ausgetrieben -, ist notwendig, um die Welt verändern zu können. Deshalb steht sie als tägliche Aufforderung und zur Ermutigung künftig unübersehbar groß auf dem Campus. MUT, gestaltet vom Hamburger Künstler Rupprecht Matthies und gestiftet von unserer Trägerin, der ZEIT-Stiftung. Zu besichtigen an einer Hochschule, der die Ideen nicht ausgehen werden – und ebenso wenig der Mut, sie umzusetzen. Übrigens: Offiziell Einweihung am 22. Mai 2013, dem Gerd Bucerius-Tag, um 13 Uhr.

Kommentare:

  1. .............+ Zuversicht! Studien ohne dieses Prädikat wären sinnlos. Für mich ist es der gefühlvolle Blick in die Zukunft.
    Gehört habe ich auch, daß die Buce Philosophie lehrt! Wunderbar!

    Ja - Glückwunsch zu MUT und weiterhin schöne Zeiten.

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  2. Ich kann Ihnen nur zustimmen, möchte aber ein paar Dinge anmerken:

    Hätte man für das Geld nicht lieber ein paar weitere Aktienrechtskommentare kaufen oder den Beck-Online Zugang um die JuS erweitern können? Wie wäre es mit einem Stipendium für Auslandspraktika oder einer Unterstützung bei Auslandstrimestern?

    Jetzt steht der Schriftzug etwas verloren hinter den Fahrradständern. Wenn auf dem Campus noch weitere Kunstgegenstände aufgestellt werden würden (auch weitere "Werte") ergibt sich ein deutlicherer Zusammenhang von Kunst (in diesem Falle Tugenden) und Universität..

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  3. Also was jetzt? Mehr Geld für Jurakommentare? Oder mehr Kunstwerke?

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  4. Ich halte - bei allem Respekt - selbst manchen Jurakommentar eher für ein Kunstwerk als diese "Verschönerung" unseres Campus. Die Entscheidung dürfte somit nicht schwer fallen...

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  5. Im Zweifel mehr Bücher in der Bib (vor allem die JuS im Onlinezugang!!). Allerdings: Wenn schon so ein Kunstwerk, dann zusammenhängend und richtig in den Campus integriert.

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    1. Derzeit gibt es die JuS als Onlinezugang, auch wenn sie von der BLS nicht gekauft wurde: Einfach in beck-online in die Suchzeile jus (alternativ auch: jus, 2013, 385) eingeben... ;-)

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    2. Wirklichen Mut hätte die Law School, wenn Sie die Vorlesungen als podcast ins Intranet stellen, wirklich innovative Vorlesungen und Lernkonzepte anbieten und nicht nur Standard-Juristenausbildung mit mehr Druck und einer besseren Planung zur Verfügung stellen würde.

      Im Übrigen wäre das Geld für diese "Kunst" besser in unsere Bibliothek geflossen als den Campus zu verschandeln.

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    3. stimmt - derart "mutige" Innovationen muss die Law School liefern. aber genau dazu ruft das ding ja auf: sich nicht im status quo einzurichten (und brav die bib immer weiter "feinzutunen"), sondern neue wege zu gehen.

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  6. Apropos Mut: Ist die Errichtung des Kunstwerks eigentlich im Einvernehmen mit dem Denkmalschutzamt erfolgt?

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    1. Good Point! Wenn es schon nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar sein sollte, eine Fahne auf der Kuppel zu hissen, wird die Skulptur schon farblich ein Problem...

      Herr Wenzler, sind Sie eigentlich von der (vermeintlichen) Engstirnigkeit Ihrer Studenten enttäuscht?

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  7. oh mann wie lächerlich ist diese hochschule eigentlich! mut die welt zu verändern? wann ist denn davon die rede gewesen, wir reden nur über evp und kleingruppen, und feiern uns in beinahe perverser weise wenn die studenten einer stiftungshochschule 1 !!!! tag im jahr für andere engagement zeigen, und rühmen uns deswegen auch noch. wie unglaublich peinlich. mut wäre es, wenn man offen zugibt dass die hochschulleitung nicht annähernd so viele ambitionen dafür aufwendet, aus ihren studenten eine verantwortungselite, mit einer dienenden gemeinsinnigen haltung zu machen, als dafür, sich stets über wert zu verkaufen! im übrigen bin ich gespannt ob auch dieser kommentar wie so einige vor mir zensiert bzw nicht veröffnetlicht werden

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  8. Ich habe eben noch einmal nachgesehen: Alle Kommentare zu allen bisherigen Posts sind veröffentlicht worden.

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  9. Mit etwa 2 Jahren Abstand auf EVP und Staatsexamen und in guter Entfernung zu Hamburg freue ich mich sehr über diese Skulptur. Eine Aufforderung an alle Studenten, neue Wege zu gehen und die Welt zu verändern. Das ist viel inspierierender als jeder Jura-Kommentar in der Bibliothek. Wer das anders schreibt, leidet vielleicht etwas unter der Betriebsblindheit, die unser 4-jähriges Studium im Durchlauferhitzer BLS zwangsläufig mit sich bringt. Aber die Welt da draußen wartet anschließend. Auf die paar gelesenen oder nicht gelesenen Kommentarseiten kommt es da nicht an.

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